BT6 – Es gibt noch einen…

Umstrittener PR-Gag: Einer der letzten von ehemals 200 Berliner DDR-Grenztürmen wird im Moment von einer Weihnachtsmütze geziert.

Ich denke, unsere Stadt eigentlich ganz gut zu kennen. Desto mehr hat es mich überrascht, als ich neulich erfahren habe, dass es am Potsdamer Platz noch einen „originalen, gut erhaltenen und begehbaren DDR-Grenzwachturm“ geben soll – wo soll der denn bitte stehen?

BT6 schimpft er sich im Fachterminus und befindet sich tatsächlich – zentraler könnte seine Lage nicht sein – 100 Meter südlich vom Leipziger Platz! Dennoch entgeht er so manchem Berlin-Liebhaber, steht er doch am Ende einer 180 Meter langen Sackgasse, in die man nie reinfahren würde, wenn man dort nicht wohnen oder die Post zustellen würde.

Diesen Turm wollte ich sehen und habe mich vor ein paar Tagen aufgemacht und ihn besucht. „BT“ steht übrigens für Beobachtungsturm und 6 für seine Entwicklungsstufe. Als einer der letzten seiner Baureihe ist der Wachturm 1971 hier errichtet worden, ab 1972 wurde dann die rechteckige Variante BT11 gebaut, die den Grenzpolizisten wesentlich mehr Platz im Innenraum geboten hat. Seit 2001 steht er unter Denkmalschutz.

Gefährlich oder unglücklich wegen seiner Vergangenheit – besonders freundlich sieht der BT6 jedenfalls nicht aus

Betrieben wird der Wachturm von einer privaten Initiative, die den Turm 2010 von der Stadt übernommen hat. Danach wurde er renoviert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine der vielen freiwilligen Helfer, die den Turm heute täglich für Touristen und Berliner öffnen, ist Susi. Sie zeigt mir anhand alter Fotos, wie sich dieses Stück Land in den letzten 50 Jahren verändert hat und kennt den Verlauf der Mauer und die Liegenschaften in Sichtweite auswendig. Überhaupt kennt sie die Ecke gut – als Malerin hat sie einst im Martin-Gropius-Bau schräg gegenüber gearbeitet und stets den Blick auf die Mauer gehabt.

Susi ist eine der freiwilligen Helfer, die Berlins Geschichte anfassbar machen
Kalaschnikow AK-47 und alte Grenzer-Jacke – einzig der Heizlüfter dürfte keine Originalbestückung sein

Im Inneren des Turmes führen zwei Eisenleitern über eine Zwischenplattform in die Beobachtungskanzel. Als ich mich an den Aufstieg mache, merke ich mal wieder, dass ich meine Schwindelfreiheit irgendwo in der Jugend zurückgelassen habe. Trotz eines mulmigen Gefühls schaffe ich die knapp 7 Meter und erreiche ein winziges Räumchen mit 8 Fenstern, liebevoll ausgelegt mit original DDR-Linoleum.

Der Aufstieg ist nicht jedermanns Sache – am besten nicht nach unten schauen!
Blick vom Turm nach Süden: Abgeordnetenhaus von Berlin, Martin-Gropius-Bau und Neubauten an der Stresemannstraße (v.l.n.r.)

In drei Schichten traten hier oben je zwei Soldaten ihren 8-Stunden Dienst an, immer aufs Neue zufällig gemischt versteht sich – Freundschaften und Vertrauen und somit auch mögliche Fluchtversuche sollten vermieden werden. Auch Stasi-Spitzel wurden zuweilen in die Wachmannschaften eingeschleust, um frühzeitig Fluchtpläne zu erkennen.

Von der Beobachtungskanzel führt diese Eisenleiter aufs Dach hinauf, wo ein Suchscheinwerfer montiert war (für Besucher nicht begehbar)
Wo früher der Schießbefehl galt, wird heute DDR-Zeitgeschichte vermittelt

Ihr findet den alten Grenzturm am Ende der Erna-Berger-Straße. Wenn es nicht regnet, ist er täglich von 11:00 – 16:00 Uhr geöffnet und wer mag, kann sich für 3,50 € den ehemaligen Grenzstreifen von oben anschauen.

BT6 – Es gibt noch einen…